FRAGE
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen vollkontinuierlichen und teilkontinuierlichen Schichtsystemen?
Guido Zander: „Ein vollkontinuierliches Schichtsystem wird oft auch als 24/7 bezeichnet, weil an sieben Tagen der Woche von 0 bis 24 Uhr gearbeitet wird. Meistens wird dies durch drei Schichten (Früh, Spät, Nacht) abgebildet, die jeweils acht Stunden lang sind. Pro Woche wird also an 3x7=21 Schichten gearbeitet. Alle Schichtsysteme mit weniger Schichten werden als teilkontinuierlich bezeichnet. Bei 18 Schichten wird üblicherweise von der Montag Frühschicht bis zur Samstag Spätschicht gearbeitet. Als 3-Schicht wird in der Regel ein 15-Schichtsystem bezeichnet, bei dem Montag bis Freitag alle drei Schichten stattfinden. Jedes Schichtsystem mit mehr als 15 Schichten bedeutet Wochenendarbeit.“
FRAGE
Was sind die häufigsten Fehler bei der Umstellung auf vollkontinuierliche Schichtsysteme bzw. bei der Einführung von Wochenendarbeit?
Guido Zander: „Die Auswirkungen einer Umstellung von 15 Schichten auf ein Vollkontisystem bzw. ein System mit 16 und mehr Schichten werden meistens grob unterschätzt. Oft wird ein Businessplan errechnet, der die zusätzlich möglichen Umsätze durch die erhöhte Kapazität einer falschen Kostenkalkulation gegenüberstellt, denn der Bedarf an zusätzlichem Personal wird oft aus mehreren Gründen stark unterschätzt.
Denn oft ist man bereits schon in der 3-Schicht unterbesetzt, weil der für Abwesenheitsvertretungen benötigte Reservebedarf zu knapp kalkuliert ist. Das fällt nur bedingt auf, weil man evtl. Produktionsausfälle durch Personalmangel am Wochenende mit einer Zusatzschicht nachholen kann. Geht man aber nun auf 21 Schichten, gibt es keine Möglichkeit einer Nachholschicht mehr, d.h. der Reservebedarf muss höher kalkuliert werden, um Ausfälle gesichert kompensieren zu können. Nicht selten wird aufgrund dieser Unterbesetzung auch bei 3-Schicht mindestens eine 16. Schicht am Samstag notwendig, die dann durch Freiwillige an einem 6. Arbeitstag in der Woche geleistet wird.
Daher gibt es oft den Irrglauben, da man ja ohnehin bereits immer wieder16 Schichten arbeitet, so dass man nur noch Personal für die Schichten 17 bis 21 benötigt. Die Rechnung ist aber ganz einfach: 21 Schichten sind 6 Schichten mehr als in der 3-Schicht. D.h. man benötigt 21/15 = 40 Prozent zusätzliches Personal. War der Reservebedarf in der Vergangenheit zu niedrig berechnet, können es sogar 45 bis 50 Prozent sein.“
FRAGE
Das kann schnell teuer werden. Gibt es denn noch weitere typische Fehler?
Guido Zander: „Ja, neben den Kosten werden die Auswirkungen auf die Mitarbeitenden ebenfalls stark unterschätzt. Viele Beschäftige haben einen Arbeitsvertrag unterschrieben, der keine Wochenendarbeit vorsieht und sind oft genau deshalb bei diesem Unternehmen. Und nun soll genau das geändert werden. Das hat massive Auswirkungen auf das Privatleben der Beschäftigten und viele wissen erstmal überhaupt nicht, wie sie das organisieren sollen. Daher muss man mit starken Widerständen von Seiten der Mitarbeitervertretungen und den Beschäftigten rechnen.“
Guido Zander
Geschäftsführender Partner
Planen Sie den Umstieg auf ein vollkontinuierliches Schichtsystem?
Ein Vollkonti-Schichtsystem kann sich rechnen – muss es aber nicht. Wir analysieren gemeinsam mit Ihnen, ob Vollkonti für Ihr Unternehmen sinnvoll ist, welche Risiken bestehen und welche Alternativen es gibt.
FRAGE
Mit welchen Problemen muss man bei der Umstellung auf Vollkonti rechnen?
Guido Zander: „Die Folge ist aus den gerade genannten Gründen, dass die Kranken- und Fluktuationsquote deutlich steigt. In 3-Schichtsystemen treffen wir in der Regel Krankenquote zwischen sechs und neun Prozent an, bei klassischen Vollkonti-Systemen liegt diese meistens deutlich über zehn Prozent und in Verbindung mit einer 40-Stunden-Woche sogar über 15 Prozent. Bei einer Umstellung von 3-Schicht auf klassische und im Markt verbreitete Vollkontipläne muss man zusätzlich noch initial mit einer Fluktuation von mindestens 20 Prozent rechnen. Je nach Arbeitsmarktsituation und Wettbewerbsumfeld kann es dann noch mehr oder weniger sein.“
FRAGE
Unter welchen Bedingungen ist von Vollkonti abzuraten?
Guido Zander: „Man sollte den potenziellen Mehrumsätzen mal die ganzheitlichen Kosten gegenüberstellen. Dazu gehören Wochenendzuschläge, die wirklich notwendige zusätzliche Kapazität, der Qualifizierungsaufwand, die höhere Krankenquote, der Ersatz von kündigenden Beschäftigten u.vm. Wenn es sich dann immer noch lohnt, dann kann man den Weg gehen. Bei SSZ haben wir hierfür einen Szenarienrechner erstellt, um diese Berechnungen durchzuführen. Dennoch würde ich eher empfehlen, nicht auf klassische Vollkontipläne zu gehen, wie man sie überall im Internet finden kann.“
FRAGE
Was könnten solche alternative Lösungsansätze sein?
Guido Zander: „Im ersten Schritt würde ich prüfen, ob es wirklich Vollkonti sein muss. Wenn wir nachrechnen, können die benötigten Mengen im Durchschnitt oft bereits mit 19 oder 20 Schichten erreicht werden. Und dann gibt es eben Wochen mit 21 Schichten und andere mit nur 17 oder 18. Mit diesem Ansatz gewinnt man Flexibilität und kann Bedarfsschwankungen ausgleichen, zudem kann man so auch mehr Wochenendfreizeit für die Beschäftigten ermöglichen.
Mit 21 Schichten gibt es gar keine Flexibilität mehr, um irgendwas auszugleichen. Das ist so, als wenn man ein Auto kauft, das 200 km/h fährt und dann berechnet man die Ankunftszeit immer auf Basis von 200 km/h und wundert sich, dass man nie pünktlich ist. Bei Voll- und Teilkonti sollte man auch zwingend überlegen, eine Wochenarbeitszeit unter 40 Stunden zu realisieren. Pläne mit 40 Stunden pro Woche sind extrem unattraktiv und führen zu den hohen Krankenquoten.“
FRAGE
Was könnte man noch tun?
Guido Zander: „Wir versuchen innerhalb eines Schichtplans, Anlagen mit Wochenendarbeit mit Anlagen ohne Wochenendarbeit zu kombinieren, um dann die Anzahl der Wochenendansätze pro Kopf zu reduzieren. Denn oft hat man auch eine enorme Ungleichbehandlung: an der einen Anlage müssen Beschäftigte an 3 von 4 Wochenenden arbeiten und an der Anlage daneben haben alle jedes Wochenende frei. Mit einer Kombination könnte man dann z.B. erreichen, dass alle im Schnitt nur 1,5 Wochenenden pro Monat arbeiten müssen.“
Welche Vor- und Nachteile hat Vollkonti/Wochenendarbeit?
Vorteile
Nachteile
FRAGE
Wird es in der Zukunft einen Trend zu mehr vollkontinuierlichen Schichtsystemen geben?
Guido Zander: „Grundsätzlich nehmen wir diesen Trend wahr. Der Wettbewerbsdruck zwingt Unternehmen dazu, immer mehr Tätigkeiten zu automatisieren. Diese Anlagen sind allerdings teuer und rechnen sich nur, wenn man einen höhere Ausstoß hat, was wiederum dazu führt, die vorhanden Schichtsysteme um Schichten zu erweitern. Dagegen ist erstmal auch gar nichts einzuwenden. Allerdings kommt es massiv auf die Umsetzung an und die Fragestellung, ob es dann wirklich gleich 21 Schichten sein müssen oder ob man mit etwas weniger Schichten, mehr Flexibilität und weniger Belastung für die Mitarbeitenden nicht besser fährt. Das Know how für die Umstellung auf Vollkonti bzw. Wochenendarbeit ist daher nicht die Erarbeitung eines Schichtplans, den kann man sich sogar aus dem Internet herunterladen, sondern die Erarbeitung einer Gesamtsystematik aus Schichtplan, Zeitkonten, Personaleinsatzplanung und Kombination unterschiedlicher Anlagen.“
Das könnte Sie auch noch interessieren
Sind Lebensarbeitszeitkonten wirklich sinnvoll?
Im Experteninterview beleuchtet Burkhard Scherf die wichtigsten Argumente für und gegen Lebensarbeitszeitkonten – von Recruiting-Vorteilen über Bilanzfragen bis hin zu Sabbatical-Regelungen und administrativem Aufwand.
4-Tage-Woche: Rettung oder Untergang?
Ist die 4-Tage-Woche Wundermittel oder Wohlstandsverwahrlosung? Experte Guido Zander analysiert UK- und Deutschland-Studien und zeigt, was wirklich dahintersteckt.
Produktivität steigern? Warum Mehrarbeit oft das Gegenteil bewirkt.
Mehr arbeiten heißt nicht automatisch produktiver arbeiten. Im Experteninterview erklärt Guido Zander, wie intelligente Arbeitszeitgestaltung Leerstunden reduziert, Flexibilität schafft und die Produktivität nachhaltig steigert.
Guido Zander
Geschäftsführender Partner
Lohnt sich Vollkonti wirklich für Ihr Unternehmen?
Viele Unternehmen unterschätzen die tatsächlichen Kosten und Auswirkungen von Wochenendarbeit und Vollkonti-Schichtsystemen. Mit einer fundierten Szenarienbetrachtung schaffen wir Transparenz – bevor Fehlentscheidungen teuer werden.